[CPProt.net] Verschollene Schiffe. Diebstahl von Kunstwerken ist heutzutage fast alltäglich

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Mon Apr 11 07:04:35 CEST 2005


Verschollene Schiffe

Wäre das Gemälde besonders wertvoll gewesen, hätte sich zumindest die
Motivlage des Täters erschlossen. Dies war aber mitnichten der Fall: Die
unglaubliche, höchst rätselhafte Geschichte eines 15 Jahre zurückliegenden
Kunstdiebstahls im Westwerk, der wohl nie aufgeklärt werden wird
von Christine Schams
So bedauerlich es auch ist: Der Diebstahl von Kunstwerken ist heutzutage
fast alltäglich. Auch wenn die wertvollen und weltberühmten Gegenstände
meist so gut wie unverkäuflich sind. Erst kürzlich wurde das Museum im
niederländischen Hoorn um mehrere millionenschwere Werke niederländischer
Maler aus dem 17. Jahrhundert erleichtert. Und 1994 ließ sich der Dieb in
einem der spektakulärsten Fälle von Kunstraub auch nicht durch die
aufheulende Alarmanlage davon abhalten, Edvard Munchs Der Schrei in der
Osloer Nationalgalerie an sich zu bringen.

Warum aber wird ein Gemälde gestohlen, das weniger einen materiellen, als
einen ideellen Wert hat und als Motiv Segelschiffe am Hafen darstellt - ein
Sujet, wie es für Hamburg klassischer nicht sein könnte? Diese Fragen
beschäftigen die Künstler des Westwerk e. V. seit rund 15 Jahren. Damals
stahlen Unbekannte aus dem Treppenaufgang im Gebäude in der
Admiralitätstraße 74 ein Gemälde, das bis heute nicht wieder aufgetaucht
ist. Das Werk, ein etwa ein mal ein Meter großes Ölgemälde, war Bestandteil
der innenarchitektonischen Holzvertäfelung in dem Gebäude der ehemaligen
Sprinkenhofanlage, das seit Ende der 80er Jahre an das Westwerk vermietet
ist.

Nun ließe sich der Gemäldediebstahl, so bedauerlich der Vorfall auch ist,
schlicht unter der Kategorie "Kunst und Klau" verbuchen, würde es sich dabei
um einen wertvollen Gegenstand handeln. Kurios an der Geschichte ist
allerdings, dass die Diebe bei ihrem Coup nebst Gemälde auch gleich einige
der beige-grünen Jugendstilkacheln aus dem alt-hanseatisch gestalteten
Treppenaufgang mitnahmen. Anscheinend handelt es sich dabei um bis heute
begehrte Liebhaberobjekte, denn auch die von Westwerk-Künstlerin Sabine
Siegfried entworfenen Kachelreproduktionen wurden wieder gestohlen.

Der Diebstahl wundert die Künstler bis heute: "Wer entwendet ein Gemälde,
das so klassisch ist, und nimmt dann auch noch Kacheln mit?", fragt Sabine
Siegfried. Auch der Tathergang gibt Rätsel auf. Denn obwohl es keine
Hinweise gibt, scheint sicher: Raffiniert wie der legendäre Meisterdieb
Thomas Crown waren die Diebe im Westwerk sicher nicht. Und das mussten sie
auch gar nicht sein. Im Gegenteil: Unbehelligt konnten sie in das Gebäude
eindringen und ungehindert das Bild entwenden, für das es, da es nicht
wertvoll war, keine Alarmanlage gab. Und die Tür zum Gebäude stand offen,
"vermutlich, weil zu dieser Zeit ein Konzert stattfand", spekuliert Sabine
Siegfried. Für ihren Coup brauchten die Diebe daher vor allem Handwerkszeug:
eine Leiter, um das Gemälde aus der Holzvertäfelung in gut zwei Metern Höhe
zu lösen, und für die Kacheln Hammer, Meißel und etwas Fingerspitzengefühl.

Die blanken Klinkersteine in der Holzvertäfelung an der Stelle wo einst das
Seegemälde hing, nutzen die findigen Westwerk-Künstler nun seit knapp zwei
Jahren als Ausstellungsort. Im Rahmen der Reihe mit dem nahe liegenden Titel
"zwischenraum" rufen sie KünstlerInnen auf, hierfür Ideen zu entwickeln.
2003 startetet die Reihe mit Peter Boué, der die Lücke mit einer
gezeichneten Hafenszene füllte. Christoph Rauch wiederum, der den
"zwischenraum" im vorigen Jahr gestaltete, versuchte die Historie des
Gebäudes mit der des Westwerks zu verbinden. Für Rauch stand dabei nicht nur
das leere Bildfeld im Treppenhaus zur Diskussion, sondern auch der
verschlossene Raum, zu dem der Aufgang führt und den die Westwerk-Künstler
bis dato als Versammlungs- und Abstellraum nutzten. In seinem Projekt "Der
Raum zur Treppe" hat er die rund 40 Werke der Westwerk-Künstler sortiert und
in einer eigens konzipierten, wabenartigen Konstruktion aus
Recyclingmaterial im Wandschrank des Büros untergebracht. Mit Register und
einer Fotodokumentation erschließt sich so nun erstmalig die ganze Arbeit
des Westwerks. In dem Raum, der derzeit renoviert und funktional erweitert
wird, soll künftig der bislang mobil betriebene Room for Northeast Reading
stattfinden, eine von der Hamburger Projektgruppe initiierte Veranstaltung.

Das Loch in der Wand indes hat Christoph Rauch mit einem Holzrahmen
gestaltet: Auf die freigelegten Klinker hat er ein nicht identifiziertes
Werk aus der Westwerk-Sammlung gehängt. Daneben steht mit weißer Kreide
geschrieben: Wer kennt den Maler?

Diese Frage jedoch, so vermutet Christoph Rauch, werde ebenso ungeklärt
bleiben, wie die nach dem gestohlenen Bild. Denn während die meisten der
gestohlenen Kunstwerke nach einigen Jahren wieder auftauchen, bleibt das
Ölgemälde aus dem Treppenhaus der Admiralitätstraße wohl für immer
verschollen. Vermutlich auch, weil der Diebstahl wegen der damals
umstrittenen und wechselhaften Mietverhältnisse nie offiziell zur Anzeige
gebracht wurde. "Wahrscheinlich wurde es auf einem Flohmarkt verkauft",
spekuliert Sabine Siegfried. Aber vielleicht, so überlegt ihr Kollege
Matthew Partridge, nimmt sich ja auch ein Künstler dieses Sujets an und malt
eine Reproduktion. Zu hoffen bleibt dann nur, dass diese Reproduktion dem
Westwerk länger erhalten bleibt als die Kachelnachbildungen von Sabine
Siegfried.

taz Hamburg Nr. 7636 vom 11.4.2005, Seite 22, 172 Zeilen (TAZ-Bericht),
Christine Schams

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