[CPProt.net] Tauziehen um die älteste Bibel. Ein ägyptisches Kloster erhebt Anspruch auf den »Codex Sinaiticus« aus dem 4. Jahrhundert
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Sat Apr 23 07:32:32 CEST 2005
Tauziehen um die älteste Bibel
Ein ägyptisches Kloster erhebt Anspruch auf den »Codex Sinaiticus« aus dem
4. Jahrhundert
Von Barbara Drießen
Die Urtexte des Neuen Testaments wurden zunächst mündlich überliefert,
niedergeschrieben und erst später in einem Buch mit Texten des Alten
Testaments vereinigt. Die älteste erhaltene Bibel stammt aus dem 4. Jh.. Sie
wurde 1844 von einem Deutschen in einem Kloster auf dem Sinai entdeckt und
gelangte nach Europa. Nun will das Kloster das Buch zurückhaben.
Foto: Agentur Focus
http://www.sonntagsblatt-bayern.de/news/aktuell/2005_17_01_01.htm
Mystischer Ort in der Wüste: Im orthodoxen Katharinenkloster auf der
Sinai-Halbinsel in Ägypten wurde die älteste erhaltene Bibel eineinhalb
Jahrtausende aufbewahrt.
In der internationalen Kulturwelt löste die Nachricht Fassungslosigkeit aus:
»Großbritannien droht der Verlust der vermutlich ältesten Bibel der Welt«,
berichtete die Londoner Zeitung The Times. Die British Library in London,
hieß es in dem Artikel, müsse womöglich eine Bibelabschrift aus dem vierten
Jahrhundert an ein ägyptisches Kloster zurückgeben, nachdem die Bibliothek
bereits in einem anderen Fall von einer Regierungskommission zur
Rückerstattung aufgefordert worden sei.
Nun rumort es in der Fachwelt. »Jedes westliche Museum ist voll von
Ausstellungsstücken, die unter dubiosen Umständen dorthin gelangten«, sagt
der ehemalige Direktor der Universitätsbibliothek Leipzig, Ekkehard
Henschke: »Wenn wir einmal anfingen, alle diese zurückzuerstatten, dann
wären viele Museen bald ziemlich leer.«
Im Mittelpunkt der Auseinandersetzung steht der so genannte Codex
Sinaiticus, zu Deutsch etwa das »Buch vom Sinai«. Dabei handelt es sich um
insgesamt 407 in griechischer Sprache beschriebene Ziegenhautseiten. Ihre
ursprünglichen Besitzer, die Mönche des griechisch-orthodoxen St.
Katharinen-Klosters im ägyptischen Sinaigebirge, hatten stets erklärt, die
kostbaren Fragmente nicht freiwillig abgegeben zu haben.
Es war der Leipziger Theologieprofessor Konstantin von Tischendorf, der den
Codex 1844 durch Zufall in dem Kloster entdeckte. Glaubt man seinem Bericht,
so hatte er Blätter dieser aus dem Jahr 340 stammenden Bibelhandschrift in
einem Papierkorb in der Klosterbibliothek entdeckt. Auf Nachfrage habe ihm
ein Mönch erklärt, diese Blätter seien zur Verbrennung bestimmt, einen Korb
habe man schon verheizt. Tischendorf nahm die Blätter an sich, entdeckte den
dazugehörigen Codex, der sich als eine der ältesten und wertvollsten
Bibelhandschriften erwies, und nahm ihn mit.
Foto: Agentur Focus
Der Codex Sinaiticus ist in der frühchristlichen Unzialschrift verfasst,
einer Schrift aus Großbuchstaben.
Die Mönche freilich sehen dies anders: Noch heute behaupten sie, Tischendorf
habe den Codex schlichtweg gestohlen. Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein
war es normal, alte Bücher, insbesondere Pergamente, in Körben
aufzubewahren, um sie vor Beschädigung zu schützen. Also ist Tischendorfs
Aussage, der Codex habe in einem Korb gelegen, nichts Ungewöhnliches. Erst
später wurde daraus ein Papierkorb oder Abfalleimer.
Dass die Mönche die Bibel verbrannt hätten, ist undenkbar. Der Codex hatte
bis zu seiner Auffindung eineinhalb Jahrtausende überdauert, er war sicher
Jahrhunderte lang in Gebrauch. Er stand offenbar bereits bei der frühen
Kirche in hohem Ansehen und wurde deshalb gegen Zugriffe seiner feindlichen
Umgebung geschützt und schließlich in das von Kaiser Justinian im Jahr 530
begründete Kloster gebracht, das vor Plünderung und Zerstörung bewahrt
blieb. Der Text selbst stammt vermutlich aus Alexandria, der orientalischen
Metropole jüdisch-hellenistischer Bildung, deren Bibliothek mit einem
Bestand von Hunderttausenden von Buchrollen die gesamte zur damaligen Zeit
vorhandene Literatur beherbergte.
Es gilt als sicher, dass es in Alexandria bereits im Jahr 100 n. Chr.
Christen gegeben hat, da aus diesem Bereich die ältesten erhaltenen
Handschriftenfragmente des Neuen Testaments aus dem Jahr 125 n. Chr.
vorliegen. Sie stammen wie der Codex Sinaiticus aus der im 2. Jahrhundert
dort gegründeten Christenschule. Mit dieser Schule, die das Niveau einer
Philosophenschule hatte, wurde Christen ermöglicht, eine höhere Ausbildung
in christlichem Sinn und Geist zu durchlaufen.
Foto: pa: http://www.sonntagsblatt-bayern.de/news/aktuell/2005_17_01_01.htm
Die Bibel vor dem Feuer gerettet? Der Theologe Konstantin von Tischendorf
hat den Codex Sinaiticus in Ägypten entdeckt und gleich mitgenommen.
Sicher ist: Bei seinem ersten Besuch 1844 überredete Tischendorf die Mönche,
ihm 43 Folianten zu Studienzwecken mit nach Leipzig zu geben, von wo er sie
aber nie zurückbrachte. Die Leipziger Universitätsbibliothek hat immer noch
die 43 Seiten des Codex in ihrem Besitz. Der zweite, umfangreichere Teil
ging in den Besitz des russischen Zaren Alexander II., den Auftraggeber
Tischendorfs, über. In einem Brief an das Kloster aus dem Jahre 1859 hatte
der Bibelforscher den Mönchen noch versprochen, den Codex zurückzugeben.
Die Antwort ließ unter diesen dubiosen Umständen ein wenig auf sich warten.
In einem zehn Jahre später datierten Brief überließ der Abt des Klosters den
Codex dem russischen Zaren - im Austausch gegen Geld und Geschenke für das
Kloster. 74 Jahre später, im Jahr 1933, erstand Großbritannien den größten
Teil der Fragmente von der Sowjetunion. Die atheistische Moskauer Regierung
hatte wenig Interesse an der alten Bibel und verkaufte einen Teil der
spätantiken Überlieferung an die British Library in London - für stolze
100.000 Pfund.
Die Bibelhandschrift befindet sich noch heute in der British Library und ist
dort ausgestellt. Andere Teile liegen in der Nationalbibliothek St.
Petersburg und natürlich in der Bibliothek des Katharinenklosters. Bereits
vor einigen Jahren forderten die Mönche beim Britischen Parlament erstmals
die Rückgabe der Handschrift.
Was den Fall nun spannend macht: Die British Library wurde von einer
Beratungskommission der Regierung für Fälle von Beutekunst dazu
aufgefordert, ein anderes umstrittenes Stück ihrer Sammlung
zurückzuerstatten. Die Kommission kam zu dem Schluss, dass ein Manuskript
aus dem 12. Jahrhundert während des Zweiten Weltkrieges als Kriegsbeute aus
einer Kathedrale in der Nähe Neapels geraubt worden sei. Damit setzte sich
die italienische Kleinstadt Benevento nach einer 27-jährigen
Auseinandersetzung mit Großbritannien durch.
Dass der Fall des Codex Sinaiticus ähnlich gelagert ist, bestreitet die
Chefsprecherin der British Library, Catriona Finlayson, jedoch entschieden:
Die Regierungskommission befasse sich mit Beutekunst, für den Codex sei sie
nicht zuständig. Die Briten könnten bei ihren Fragmenten auf eine »bezahlte
Schenkung« verweisen, glaubt auch der Leipziger Chefbibliothekar Henschke.
Der Zar habe damals immerhin 9000 Goldrubel für den Codex bezahlt. »Viel
eher müssten die Deutschen ihren Teil zurückgeben. Dass das allerdings
irgendwann geschieht, kann ich kategorisch ausschließen«, sagt er.
DER CODEX SINAITICUS
http://www.sonntagsblatt-bayern.de/news/aktuell/2005_17_01_01.htm
Der Codex besteht aus 407 Folianten aus Ziegenleder. Die Reihenfolge der
neutestamentlichen Bücher unterscheidet sich von heutigen Ausgaben: Nach den
vier Evangelien kommen die Briefe des Paulus, dann die Apostelgeschichte,
die restlichen Briefe und die Offenbarung des Johannes.
Um das Jahr 340 wurde der Codex geschrieben. Er enthält auch den
»Barnabasbrief« und das Fragment »Der Hirte des Hermas«, die nur bis zur
Kanonisierung der Bibel 382 als heilige Schriften galten.
Konstantin von Tischendorf, Theologieprofessor in Leipzig, entdeckte erste
Fragmente des Codex Sinaiticus am 7. Februar 1844 im Katharinenkloster am
Mosesberg (Djebel Musa, Ägypten), als er im Auftrag des russischen Zaren
Alexander II. nach alten Handschriften suchte.
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