[CPProt.net] Der Herr der Diebe. Es war der größte Kunstraub Deutschlands. Anwalt Liebrucks holte die Bilder zurück. Nun ist die Sache vor Gericht (a.o. about the Frankfurt Trurner thefts)

MSN CPPnet (Ton Cremers) museum-security at museum-security.org
Fri Dec 16 18:10:18 CET 2005


14.12.2005
Der Herr der Diebe
Es war der größte Kunstraub Deutschlands. Anwalt Liebrucks holte die Bilder
zurück. Nun ist die Sache vor Gericht

Von Verena Mayer, Hamburg


Als er dann in dieser Waldhütte stand, vor sich die Ganoven mit zwei
weltberühmten Gemälden, eines von William Turner, eines von Caspar David
Friedrich, da dachte der Rechtsanwalt, wenn du jetzt einen Fehler machst,
bist du tot. Doch Edgar Liebrucks machte keinen Fehler. Er brachte die
Männer dazu, ihm die Bilder zu überlassen. Und er gab sie denen zurück,
denen sie geraubt worden waren.

Das Bild „Nebelschwaden“ von Caspar David Friedrich, 32,5 mal 42,4
Zentimeter groß, hängt nun wieder dort, wo es hingehört, in der Kunsthalle
in Hamburg. Hier könnte ein spektakulärer Kriminalfall zu Ende gehen. Doch
um das Bild ist ein bizarrer Rechtsstreit zwischen Edgar Liebrucks und der
Kunsthalle entbrannt. Es geht um geraubte Kunst und darum, wie man sie
wiederbekommt. Und es geht um eine viertel Million – das Lösegeld, das für
die „Nebelschwaden“ bezahlt wurde. 

Der Kunstkrimi beginnt im Jahr 1994, die Frankfurter Kunsthalle Schirn zeigt
„Goethe und die Kunst“. Die Besucher drängeln sich vor allem um die
Prunkstücke: Die Londoner Tate Gallery hat „Schatten und Dunkelheit“ sowie
„Licht und Farbe“ des britischen Malers William Turner als Leihgaben
geschickt, die Hamburger Kunsthalle die „Nebelschwaden“ von Caspar David
Friedrich. Doch es interessieren sich auch andere für die Gemälde. In der
Nacht des 28. Juli dringen Räuber in das Gebäude ein. Sie entreißen einem
Wachmann die Schlüssel und stehlen die beiden Turners und die
„Nebelschwaden“. Einige der Beteiligten werden gefasst, wer die Drahtzieher
waren, ist ungeklärt. Man vermutet, dass es sich um die so genannte
Jugo-Mafia handelte. „Die wussten jedenfalls sehr genau, was sie taten“,
sagt Rechtsanwalt Liebrucks. 

Edgar Liebrucks kam 1998 ins Spiel, besser gesagt kam ein Mitarbeiter von
Scotland Yard in seine Frankfurter Kanzlei. Seit vier Jahren waren die
Bilder verschollen, die Versicherungen hatten gezahlt. Die Tate Gallery
wollte die Gemälde dennoch zurück, koste es, was es wolle. Die beiden
Spätwerke Turners gehören zum englischen Kulturerbe, der High Court Ihrer
Majestät hatte zur Wiederbeschaffung unkonventionelle Maßnahmen genehmigt,
so eine Operation unter dem Decknamen „Kobalt“. Geleitet wurde sie von
Detective Sergeant Rokoszynski, Undercover-Agent bei Scotland Yard, genannt
„Rocky“. Er habe gehört, dass Edgar Liebrucks als Anwalt einen „sehr, sehr
guten Ruf in der Unterwelt“ genieße, sagte Rocky, als er in Liebrucks‘ Büro
stand. Ob er sich vorstellen könne, diese Kontakte für Scotland Yard spielen
zu lassen.

Edgar Liebrucks ist 60 Jahre alt. Er ist ein ergrauter Mann, der langsam,
aber bestimmt redet. Er trägt ein altmodisches Sakko und eine nicht dazu
passende Krawatte, so eine verwuschelte Erscheinung kann man sich nur
leisten, wenn man keinen Wert auf Äußerlichkeiten legen muss. Liebrucks
stammt aus einer großbürgerlichen Familie, die Mutter war Bildhauerin, der
Vater Philosophieprofessor. Liebrucks ist aufgewachsen mit humanistischer
Bildung, Museumsbesuchen und Klavierspiel, mit jeder seiner Gesten strahlt
er das Selbstverständnis einer Schicht aus, für die Kunst ein Teil des
Lebens ist.

Wie es sich in einer solchen Familie gehört, wurde er Anwalt. Ein sehr
gefragter. Liebrucks hat die ganz harten Leute verteidigt, Größen aus der
Frankfurter Unterwelt oder einen Islamisten im Frankfurter Prozess um einen
geplanten Anschlag auf einen Weihnachtsmarkt in Straßburg. Im Gerichtssaal
war Liebrucks durch sein energisches Auftreten aufgefallen. Er wollte seinen
eigenen Anwaltskollegen vom Prozess ausschließen lassen, weil der angeblich
vertrauliche Informationen an die Presse weitergegeben habe. 

Das Angebot von Rocky nahm Edgar Liebrucks an. Die Sache habe ihn gereizt,
sagt er, schon vom Juristischen her. Wie man einen solchen Auftrag legal
über die Bühne bringen könne, ohne die Hintermänner misstrauisch zu machen.
Die nennt er nur „die Leute“. Etwas Schelmisches blitzt in seinen Augen auf.
Ein bisschen wollte er es den Kunsträubern auch beweisen. Dass er, der
Kunstsinnige, es allemal mit ihnen aufnehmen konnte. 

Liebrucks ging erst einmal auf Nummer sicher. Er ließ sich von der
Staatsanwaltschaft zusichern, dass nicht gegen ihn ermittelt würde und dass
er später ein Zeugnisverweigerungsrecht habe. Von dem macht er seither
Gebrauch. Über die Hintermänner sagt er kein Sterbenswörtchen. Nur so viel:
Er wurde von den „Leuten“ zu einsamen Waldlichtungen gebracht, dort
verhandelte er mit ihnen.

Kunstwerke werden heutzutage kaum mehr geraubt, um sie weiterzuverkaufen.
Viel aussichtsreicher ist es, Geld für ihre Rückgabe zu verlangen,
„Art-napping“ nennt sich das. Wie beim Kidnapping ist man schnell in einer
Zwickmühle. Zahlen die Museen, machen sie sich erpressbar und ermutigen
Nachahmungstäter. Zahlen sie nicht, drohen Kulturgüter verloren zu gehen.
Wie eben „Schatten und Dunkelheit“ aus dem berühmten Turner-Flügel. In
Schatten und Dunkelheit, auf jeden Fall aber in einer rechtlichen Grauzone,
verlaufen die meisten Rettungsaktionen. Die Tate Gallery etwa hatte eine
hohe Summe auf ein deutsches Konto überwiesen – für allfällige
Lösegeldzahlungen. Die Staatsanwaltschaft in Frankfurt segnete den Transfer
ab.

Liebrucks verhandelte gut. Auf einer Parkbank übergab er im Juli 2000 einen
Geldkoffer und konnte wenig später Turner Nummer eins den Engländern
aushändigen. Turner Nummer zwei war schwieriger. Zwischen den „Leuten“ und
ihm ging es hin und her. Um Bewegung in die Sache zu bringen, zahlte
Liebrucks den „Leuten“ als Vertrauensbeweis zwei Millionen Mark. Aus eigener
Tasche und auf eigenes Risiko. 

„Er war in einem erbarmungswürdigen Zustand“, sagt Hans Georg Graf
Lambsdorff, ein Anwaltskollege und Freund, dem sich Liebrucks eines Tages
anvertraute. Aber Liebrucks wollte die Sache durchdrücken. Im Dezember wurde
er schließlich von zwei Hehlern in eine Waldhütte bei Offenbach geführt.
Dort befand sich Turners „Licht und Farbe“, kurz vor Weihnachten 2002
übergab er es der Frankfurter Staatsanwaltschaft. Dann wurde das Gemälde per
Sicherheitstransport nach England gebracht. Die Tate Gallery machte bei der
Geschichte einen satten Gewinn. Die Versicherung hatte einst 24 Millionen
Pfund gezahlt, für acht Millionen hatte die Tate Gallery später das Eigentum
an den Turners wieder zurückgekauft. Blieben nach Abzug aller Spesen für die
Operation „Kobalt“ umgerechnet 20 Millionen Euro. Edgar Liebrucks wurde nach
London eingeladen und gefeiert. 

Der Erfolg sei für Liebrucks „ein enormes inneres Erlebnis gewesen“, sagt
Lambsdorff. Hans Georg Graf Lambsdorff, 74 Jahre alt, ist ein weißhaariger
Herr, der aus einer anderen Zeit zu kommen scheint und Formulierungen wie
„an jenem Tage“ verwendet. Eines Tages vertraute Liebrucks ihm ein Geheimnis
an. In der Waldhütte hatte Liebrucks nämlich noch etwas anderes gesehen: die
„Nebelschwaden“ von Caspar David Friedrich. Das Bild hat Caspar David
Friedrich vermutlich 1820 in Dresden gemalt. Es zeigt eine Strohhütte, vor
der ein Bauer mit seinem Ackerwagen sitzt. Der Vordergrund ist dunkel, die
Landschaft dahinter düster. Krähen kreisen am Himmel und deuten Unheil an.
Das ließ nicht lange auf sich warten. 

Erst einmal war Lambsdorff jedoch Feuer und Flamme, den „CDF“, wie die
beiden das Bild nannten, zurückzuholen. Im Beisein seines Freundes rief
Liebrucks in Hamburg an. 30 Sekunden dauerte das Gespräch. Am Apparat war
Tim Kistenmacher, der Geschäftsführer der Kunsthalle. „Geben Sie mir mal
Ihre Nummer. Ich rufe Sie zurück“, sagte er.

Tim Kistenmacher ist ein verbindlicher Mann. Er wusste, dass sich das Museum
nicht erpressbar machen dürfe und hatte nicht vor, Lösegeld zu zahlen. Doch
auch er wollte das Bild zurück. Kistenmacher besprach sich mit der
Staatsanwaltschaft Frankfurt. Die gab abermals grünes Licht, und Edgar
Liebrucks hatte einen neuen Auftrag. Doch diesmal wollten „die Leute“ mehr,
sie hatten in der Zeitung vom Deal der Tate gelesen. „Jetzt diktieren wir
die Bedingungen“, sagten sie. 1,75 Millionen wollten sie, Liebrucks handelte
sie auf 850 000 runter und holte sich ein Polaroid, das die „Nebelschwaden“
mit einer aktuellen Tageszeitung zeigte. 

Mehrere Monate ging es hin und her. Die Kunsthalle versuchte, Liebrucks
hinzuhalten, die Täter drohten, das Bild zu zerstören oder an einen Japaner
zu verkaufen. Liebrucks und Graf Lambsdorff dachten, dass sie handeln
müssten. Also sagten sie den „Leuten“ jetzt, die Kunsthalle würde eine halbe
Million herausrücken. „Das war natürlich ein Trick, wir dachten, dazu sind
wir moralisch berechtigt“, sagt Lambsdorff und kichert ein bisschen, es ist
die Freude eines soignierten Herren, der die Halbwelt ausgetrickst hat. 

Kistenmacher soll versprochen haben, zunächst einmal 250 000 Euro
lockerzumachen. Ein Herr, der im Rat der Stiftung zur Förderung der
Hamburgischen Kunstsammlungen saß, wollte ihm unter die Arme greifen. Doch
„die Leute“ wollten abermals Bares sehen, um Vertrauen zu fassen. Liebrucks
fuhr in die Schweiz und lieh sich 250 000 Euro. In zwei Umschlägen brachte
er das Geld über die Grenze. „Ich habe gelernt: Die Täter wollen einen
Vorschuss. Aber die Kunsthalle wollte nicht im Voraus zahlen, also musste
ich in Vorleistung gehen.“ 

Eines Tages im Sommer 2003 führte Liebrucks schließlich seinen Freund
Lambsdorff zu seinem Auto. Auf der Rückbank lag Liebrucks‘ Anwaltsrobe,
darunter lagen die „Nebelschwaden“. Wie er an das Bild gekommen ist, ist
sein Geheimnis. Jedenfalls brachte es Liebrucks nach Hause, wickelte es in
ein Handtuch und versteckte es in seinem Klavier. Dann rief er Kistenmacher
an. Der druckste herum und sagte, nun müsse der Mäzen nur noch das Geld
flüssig machen. Liebrucks solle sich in einer Woche wieder melden. Der wurde
allmählich nervös. In seinem Klavier lag ein gestohlenes Meisterwerk, und
„die Leute“ wollten das restliche Geld. Es kam noch schlimmer.

„Mäzen abgesprungen“, faxte Kistenmacher an Edgar Liebrucks. Die Stiftung
hatte es sich anders überlegt. Auch die Kulturbehörde bedankte sich nicht
bei Liebrucks, sondern beantragte eine Hausdurchsuchung, um das Bild
beschlagnahmen zu lassen. Der Rechtsanwalt wollte das Bild so schnell wie
möglich loswerden. Die Staatsanwaltschaft Frankfurt winkte ab. Verzweifelt
ging Liebrucks in die Frankfurter Schirn und drückte das Gemälde einem
verdutzten Mitarbeiter in die Hand. „Nie wieder“, sagt Liebrucks heute. Als
2004 in Oslo „Der Schrei“ von Munch gestohlen wurde, sei er regelrecht in
Panik geraten, dass man ihn fragen würde. „Ich bin heute noch in
Schwierigkeiten wegen der Leute.“ Doch damit nicht genug: Die Kunsthalle
bezweifelt seine Angaben, und Liebrucks muss sein Geld zivilrechtlich
einklagen. 

Der spektakulärste Kunstraub der deutschen Nachkriegsgeschichte hat ein sehr
deutsches Ende. Im Hamburger Landgericht wird darüber gestritten, ob
Liebrucks tatsächlich Geld vorstreckte. Bald steht wahrscheinlich die Frage
im Raum, warum sich Liebrucks von den Kriminellen eigentlich keine Quittung
habe geben lassen. Kurioserweise gibt es in dem Fall trotzdem viel
Schriftliches, Faxe wurden versandt, Aktenvermerke angelegt. Der Richter ist
nach zwei Prozesstagen der Meinung, dass Liebrucks im Recht ist. Er habe im
Interesse des Museums gehandelt, die Kunsthalle habe den Eindruck
vermittelt, sie sei zahlungswillig. Liebrucks wird seine Auslagen aller
Voraussicht nach erstattet bekommen, wenn im Januar das Urteil fällt.
„Immerhin ist das jetzt geklärt“, sagt Liebrucks und ruft sich ein Taxi. Was
sich wirklich hinter dem Raub und der Rückgabe der „Nebelschwaden“ verbirgt,
wird allerdings sein Geheimnis bleiben.

http://archiv.tagesspiegel.de/




More information about the CPProt mailing list