[CPProt.net] Kunstdiebe wider Willen; Ehepaar hielt Lindenberg-Aquarelle für Werbedrucke und nahm sie einfach mit

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Thu Oct 20 06:18:19 CEST 2005


Kunstdiebe wider Willen
Irrtum. Ein Ehepaar hielt Lindenberg-Aquarelle für Werbedrucke und nahm sie
einfach mit. Das Echo war enorm. Nun sind Udos Bilder wieder da.
Von Alexander Schneider

October 19, 2005

Er pflegte zunächst seine Bilder mit Likör zu malen und erlangte damit
Anerkennung in Kunstkreisen. Zuletzt brachte der Hamburger Altrocker Udo
Lindenberg seine Werke auch mit gewöhnlichen Wasserfarben aufs Papier – und
selbst diese erfreuen sich größter Aufmerksamkeit bei seinen Fans. Als 25
der neuesten Arbeiten am vergangenen Wochenende überraschend in einer
Dresdner Galerie gezeigt wurden, ließen Diebe gleich fünf echte „Udos“
unerkannt mitgehen – einer der größten Kunstdiebstähle der vergangenen Jahre
in der Landeshauptstadt zeichnete sich ab. Denn wenngleich die Galerien der
Kunststadt Dresden mit Gemälden vieler Epochen gesegnet sind, versuchen
Langfinger ihr Glück hier selten.

Dieser Sonnabend wird dem Dresdner Galeristen Heinz Walentowski denn wohl
auch noch lange in Erinnerung bleiben. Der Senior-Chef selbst war da und
begrüßte 400 geladene Gäste zur Vernissage seiner Pop-Art-Ausstellung im
Kurfürsten-Saal des Hotels Taschenbergpalais Kempinski. Sie läuft noch bis
zum 20. November.

Als besondere Leckerbissen hatte er die neuen Aquarelle des Hamburger
Musikers im Gepäck, die er den Kunden in seiner Galerie im gleichen Haus
präsentierte. Doch als die Mitarbeiter abends die Bilder zählten, fehlten
fünf Exemplare. Dreiste Diebe hatte die Werke mitgehen lassen.

„Der oder die Täter haben das Gedränge in der Galerie ausgenutzt und die
Bilder unter die Jacke geschoben“, vermutete Polizeisprecher Thomas
Geithner. Vielleicht war’s sogar ein Lindenberg-Fan oder ein Kunstsammler?
Die Werke könnten längst in Internet-Auktionsbörsen angeboten werden. Noch
am Montagnachmittag hatte die Polizei nicht die geringste Spur. Fakt ist:
Der Täter hatte leichtes Spiel. Da die etwa 20 mal 30 Zentimeter großen
Bilder nicht gerahmt waren, konnten sie mühelos versteckt werden. Der Dieb
verursachte einen Schaden von 5 250 Euro, denn die Udo-Originale waren mit
jeweils 1 050 Euro ausgepreist. 

Die „Udos“ einfach eingesteckt

„Wir wollten die Aquarelle eigentlich ab November in unserer Zentrale in
Werl präsentieren“, sagte Galerie-Mitarbeiterin Christina Klooß. Sie glaubte
nicht an eine geplante Tat: „Niemand wusste, dass die Bilder hier sind.
Offenbar hatte der Täter eine günstige Gelegenheit ausgenutzt.“ Bis dato
musste die Mitarbeiterin der nordrhein-westfälischen Galerie davon ausgehen,
dass die Bilder längst im Wohnzimmer eines – wenn auch kriminellen –
Sammlers hingen. Vielleicht sogar für immer?

Denn eines ist gewiss: Auch in Dresden hat der malende Lindenberg viele
Fans. Immerhin habe Klooß zuletzt am Wochenende wieder mehrere Werke seiner
Aquarelle – in denen es immer um Frauen und Alkohol geht – verkauft. Noch
während die Medien begannen, über den ungewöhnlichen Kunstdiebstahl zu
spekulieren, die Sicherheitsvorkehrungen in Galerien hinterfragt wurden und
die Polizei abwiegelte, dass es in den letzten Jahren zu so gut wie keinem
vergleichbaren Diebstahl gekommen sei, muss einem Ehepaar aus dem Dresdner
Norden langsam mulmig geworden sein. Der 48-jährige Diplomingenieur und
seine 45-jährige Frau, die Polizei rechnet sie dem „Bildungsbürgertum“ zu,
nahmen am Wochenende an der Vernissage in der Nobel-Herberge teil. Sie
genossen Pop-Art-Künstler wie Andy Warhol und Roy Lichtenstein – und
steckten in der Galerie die fünf „Udos“ einfach ein.

Am Montagabend gegen 21 Uhr meldete sich das – überraschte – Paar im
Polizeirevier Altstadt und gab die Bilder zurück. In den Medien hatten sie
von dem Kunstdiebstahl erfahren. In ihrer Vernehmung gaben sie an, sie
hätten geglaubt, es handele sich bei den „Udos“ um Kopien oder um
Werbedrucke der Galerie. „Wir haben keinen Grund, ihnen das nicht
abzunehmen. Der Fall ist erledigt“, sagte Polizeichef Dieter Hanitsch
gestern und übergab, erneut medienwirksam, die Beute der Kunstdiebe wider
Willen an Kunsthändlerin Klooß. Die vermeintlich dreiste Tat sei ein
Versehen gewesen, wenn auch ein peinliches. Das Paar habe die Aquarelle den
Beamten jedoch unbeschadet ausgehändigt. Der Titel eines der Aquarelle, von
Lindenberg mit einem Filzstift auf das Motiv geschrieben, könnte den in
Galeriekreisen bisher beispiellosen Vorgang vielleicht erklären helfen. Udo
nannte das Bild: „Realität ist nur eine Illusion, die sich durch Mangel an
Alkohol einstellt.“




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