[CPProt.net] Die grinsenden Totengräber der Kultur
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Thu Jan 12 02:39:31 CET 2006
Die grinsenden Totengräber der Kultur
Jan. 11, 2006
Von Thomas Buomberger
Nur mit Drogen lässt sich mehr verdienen als mit geraubter Kunst.
Museen, Sammler und Auktionshäuser scheren sich nicht um die Herkunft
der Ware - und die Schweiz war der Nabel der Unterwelt.
Kunst veredelt Geist und Charakter - dies zumindest glauben viele
Besitzer von Antiquitäten und fördern mit ihrem Sammeltrieb die
Plünderung von Tausenden von archäologischen Stätten jährlich: «Die
Sammler sind die wahren Räuber, und die Mittelsmänner profitieren am
meisten davon», sagt Ricardo J. Elia, Professor für Archäologie an
der Boston University, zum Geschäft mit geraubten Antiquitäten.
Wie schmutziges Geld müssen auch illegal ausgegrabene Antiquitäten
gewaschen werden, am besten indem sie mehrfach den Besitzer wechseln.
Am Anfang der Kette stehen ortskundige Einheimische, zum Beispiel in
der an Bodenfunden reichen italienischen Provinz Apulien. Sie
stochern mit Stangen in der Erde herum, horchen mit Hightech-Radar
den Boden ab, graben Löcher und heben jahrhundertelang verborgene
Schätze von vergangenen Kulturen ans Tageslicht; diese verkaufen sie
Zwischenhändlern, die bestens organisiert sind und Beziehungen zu
internationalen Händlern haben. Der schwierigste Teil besteht darin,
die Kunstobjekte aus dem Land zu schmuggeln und auf den
internationalen Markt zu bringen. Der Fantasie sind dabei kaum
Grenzen gesetzt, beliebt ist etwa, Antiquitäten als billigen
Touristenramsch zu tarnen. «Ich vermute, dass ein hoher Prozentsatz
der Antiquitäten aus Thailand auf diese Weise aus dem Land
geschmuggelt wird», sagt Lorenz Homberger, Vizedirektor des Museums
Rietberg in Zürich. Sperrige antike Vasen lassen sich leichter durch
den Zoll schleusen, indem sie in Einzelteile zerschlagen und später
wieder zusammengefügt werden. Fachleute stellen fest, dass auf dem
Markt in Hongkong in letzter Zeit viele chinesische Antiquitäten
aufgetaucht sind, die mit tadellosen Dokumenten bezüglich ihrer
Herkunft ausgestattet sind. Homberger fragt sich allerdings, «was
diese Papiere wert sind».
Seit das Getty-Museum in Los Angeles, das reichste und mit 50 000
Antiken eines der grössten der Welt, in einen Skandal um geraubte
Kunst verwickelt ist, werden die Geschäfte mit Antiquitäten etwas
genauer angeschaut, wenngleich die illegalen Praktiken seit Jahren
bekannt sind. Es ist ein Geschäft, bei dem Wahnsinnsgewinne winken,
wie Neil Brodie vom McDonald Institute for Archaeological Research in
Cambridge feststellt. Der sizilianische Antiquitätenhändler Vincenzo
Cammarata zum Beispiel erwarb im Jahr 1980 im Tausch gegen andere
Objekte im Wert von 20000 Dollar eine goldene griechische
Opferschale, die Phiale von Achyris aus dem dritten vorchristlichen
Jahrhundert. Er verkaufte sie 1988 für 90 000 Dollar an William Veres
weiter, der damals in Zürich eine Kunsthandlung führte. Der reiche
amerikanische Sammler Michael Steinhardt kaufte über einen
Zwischenhändler das Gefäss 1991 für 1,2 Millionen Dollar - doch
konnte er sich seines Sammlerglücks nicht lange erfreuen: 1995
beanspruchte der italienische Staat die Phiale, weil sie
unrechtmässig ausser Landes geschafft worden war. Nach einem
fünfjährigen juristischen Streit erhielt Italien das Opfergefäss
zurück.
Ähnlich der Fall des «Kraters von Euphronios», den ein Grabräuber
vermutlich 1971 aus einer etruskischen Ruhestätte entfernte. Der Dieb
erhielt 8800 Dollar, der Händler Robert Hecht, gegenwärtig in Rom vor
Gericht, verkaufte das Stück 1972 dem Metropolitan Museum in New York
für eine Million Dollar. «98 Prozent des Verkaufspreises enden in den
Taschen der Mittelsmänner», sagt Neil Brodie, «am meisten verdient
derjenige, der das Objekt aus dem Ursprungsland über die Grenze
schmuggelt.»
Epizentrum Schweiz
Eine aus dem Boden gehobene Antiquität muss möglichst schnell zu
einer Provenienz und einer wissenschaftlichen Beschreibung kommen,
damit sie an Wert gewinnt. Es finden sich immer willige Experten, die
entsprechende Papiere auch für gestohlene Objekte erstellen: 1993
fanden sich bei Bauarbeiten in Akhmim (Ägypten) verschiedene Stelen,
darunter die «Stele von Pasenenkhons», die auf Umwegen in die Galerie
Phoenix Ancient Art in Genf gelangte, die heute von Ali und Hicham
Aboutaam geführt wird. Die Galerie mit Ableger in New York ist eine
der Grossen im Geschäft und verkauft an Museen und Privatsammler auf
der ganzen Welt. Zur Entzifferung der Hieroglyphen stellte Aboutaam
senior, der die Stele kaufte, diese Professor Massimo Patanè von der
Universität Genf zur Verfügung. Der dankbare Patanè publizierte einen
wissenschaftlichen Artikel und schaffte dadurch Respektabilität. Noch
im gleichen Jahr verkaufte Aboutaam die Stele einem belgischen
Händler, und dieser veräusserte sie einem amerikanischen Sammler.
Pech für diesen, dass ein Ägyptologe die Stele vorher erkannt hatte,
die daraufhin vom FBI aus der Wohnung des Sammlers in Manhattan
geholt und später an Ägypten zurückgegeben wurde. Zwei weitere Stelen
aus Akhmim wurden freiwillig zurückgegeben, behauptet Ali Aboutaam
gegenüber der Weltwoche.
Kamen die Aboutaams beim Deal mit der Stele ungeschoren davon, so
gerieten sie wegen anderer Geschäfte in den Fokus der Justiz: Im
vergangenen Jahr wurde in New York Hicham Aboutaam wegen illegaler
Einfuhr zu 5000 Dollar Busse verurteilt, weil er ein Trinkgefäss aus
dem Iran, das er einem Sammler für 950000 Dollar verkaufte, als
syrisch deklariert hatte; und ebenfalls im letzten Jahr wurde sein
Bruder Ali in Abwesenheit in Ägypten zu 15 Jahren Gefängnis
verurteilt, weil er Mitglied einer Schmugglerbande gewesen sein soll.
Aboutaam bestreitet die Vorwürfe. Unklar ist, ob das Urteil
rechtskräftig ist. Während ägyptische Medien meldeten, dass die
Urteile gegen sämtliche 31 Beschuldigte aufgehoben worden seien,
sitzen die Hauptverdächtigen nach wie vor im Gefängnis. Ägypten -
erklärt ein Kenner - wolle offensichtlich signalisieren, dass es vor
dem illegalen Kulturexport nicht mehr die Augen verschliesst.
Funktionierte der Handel während Jahrzehnten nach dem Prinzip des
Nichtwissenwollens, so hat sich das schockartig geändert. Das
Erdbeben in der Antiquitätenszene ausgelöst hat ein italienischer
Antiquitätenhändler, der ebenfalls von der Schweiz aus operierte:
Giacomo Medici. Die Justiz konfiszierte vor zehn Jahren im Genfer
Freilager etwa 10000 Kunstobjekte im Wert von 50 Millionen Franken;
diese Objekte wurden mittlerweile «als Beweismittel» von der Schweiz
nach Italien spediert, wohl im Wissen, dass sich so elegant
unerwünschte Ware von Schweizer Boden entfernen liess. Zudem wurden
bei Medici Tausende Polaroidfotos von Kunstwerken gefunden, die
später teilweise in Museen in den USA und Europa identifiziert werden
konnten.
Medici, der von einem italienischen Gericht zu zehn Jahren Gefängnis
verurteilt wurde, war der Grösste im Geschäft, zu seinen Kunden
gehörten die renommiertesten Auktions- häuser wie Sotheby´s, Sammler
und Museen aus der ersten Liga. Und zur Kundschaft gehörte auch
Marion True vom Getty-Museum, die seit Mitte November in Italien vor
Gericht steht. Ein weiterer, neben zehn anderen Angeklagten, ist der
86-jährige Händler Robert Hecht, der seine Geschäfte teilweise von
der Schweiz aus führte und seit Jahrzehnten bekannt ist. Für ihn
arbeitete während einiger Zeit der Restaurator Fritz Bürki, der seine
Karriere als Hauswart im Archäologischen Institut der Universität
Zürich begonnen hatte. In amerikanischen Medien wird er als
«Strohmann» bezeichnet; gegenüber der Weltwoche verweigerte er die
Auskunft und behauptet, nie mit Antiquitäten gehandelt zu haben.
Dennoch wird er in gewissen Herkunftserklärungen aufgeführt. So soll
er 1979 dem Museum of Fine Arts (MFA) in Boston eine römische Statue
verkauft haben und Vorbesitzer einer griechischen Vase gewesen sein,
die dem MFA später von Hecht verkauft wurde.
Professore Carabiniere
Marion True selbst stellte 1995 strenge Richtlinien bezüglich
Provenienzen bei Erwerbungen des Getty-Museums auf, die auch für
andere Museen wegweisend wurden. True hielt sich offenkundig selber
nicht daran - und sie war nicht die Einzige: Allein in zehn Museen in
den USA und Europa wurden gegen hundert Objekte aus Schmuggel oder
Diebstahl identifiziert. Italien verlangt vom Getty-Museum 42 Objekte
zurück, vom Metropolitan in New York deren acht, darunter den «Krater
von Euphronios», eines der wertvollsten Stücke. «Immer mehr Museen
müssen eingestehen, dass sie Objekte aus illegaler Quelle erworben
haben. Was wir jetzt sehen, ist nur die Spitze des Eisbergs», sagt
Daniel Graepler vom Archäologischen Institut der Georg-August-
Universität in Göttingen, einer der besten Kenner des illegalen
Kunstmarkts. «Dieser Fall könnte eine Wende im Umgang mit
Antiquitäten unklarer Herkunft bedeuten.»
Probleme dürften dereinst Museen bekommen, die erst in den
vergangenen Jahrzehnten gegründet wurden und schnell gewachsen sind,
so etwa das Antikenmuseum Basel. Mit atemraubender Offenheit sagt
Direktor Peter Blome: «Ich kenne vermutlich nur etwa zehn Prozent der
Provenienzen unserer 6000 Objekte.» Die meisten Antiken erhält das
Basler Museum, das es seit vierzig Jahren gibt, von Sammlern. «Wenn
mir eine Sammlung angeboten wird, dann frage ich nicht nach der
Provenienz, weil das nichts bringt. Meistens kennen sie die Sammler
nämlich selber nicht», sagt Blome, «mir ist aber immer noch lieber,
wenn solche Sammlungen ins Antikenmuseum kommen und so öffentlich
zugänglich werden, als dass sie in einem Banksafe verschwinden.» -
«Eine gefährliche Haltung», meint Lorenz Homberger vom Zürcher
Rietberg-Museum, «heutzutage kann man sich Fragen der Provenienz
nicht mehr verschliessen. Wir haben schon Objekte abgelehnt, da sich
die Herkunft nicht ermitteln liess.» So gewinnt man bei Donatoren
nicht nur Freunde.
Italien ist das Land, das gegen die Plünderung seines kulturellen
Erbes am konsequentesten vorgeht. Seit 1939 ist die Ausfuhr von
Kulturgütern ohne Bewilligung verboten. Nicht nur arbeiten bei den
Carabinieri hochqualifizierte Kunsthistoriker, sondern sie haben wohl
auch die umfassendste Datenbank von vermissten Objekten, zudem
konfiszieren sie jährlich Zehntausende von illegal ausgegrabenen
Stücken. «Gleichzeitig fahren sie konsequent die juristische
Schiene», sagt Daniel Graepler. «Dass sie zuerst gegen das Getty-
Museum vorgingen, das eher zu den kooperativen Häusern gehört hatte,
könnte bedeuten, dass auch noch andere drankommen werden.»
Doch selbst schwächere Staaten aus Lateinamerika beginnen sich zu
wehren; ein halbes Dutzend von ihnen hat mit den USA ein ähnliches
Abkommen wie Italien abgeschlossen, das die illegale Einfuhr von
Kulturgegenständen unterbinden soll. Erfolgreich bei der Forderung um
Rückgabe war kürzlich Honduras. Es erhielt 279 wertvolle
präkolumbische Objekte von den USA zurück, die Jahre zuvor bei der
Einfuhr als wertloser Ramsch deklariert worden waren. In einigen
Jahren wird wohl der Irak von Museen und Sammlern gestohlene
Kunstobjekte zurückverlangen, noch immer werden mindestens 8500
gestohlene Objekte aus dem irakischen Nationalmuseum vermisst. Käufer
in den Golfstaaten sollen emsig Objekte erwerben. Vermutet wird, dass
solche Objekte auch schon in Museen unterkamen. Wenngleich die
meisten der einst 500000 aus irakischen Museen gestohlenen Stücke
retourniert wurden, ist die Lage auf den Tausenden von
archäologischen Fundstellen desolat. «Die Plünderungen halten auch
zwei Jahre nach der Meldung vom vorgeblichen Ende der Kampfhandlungen
an», meint der Archäologe Francis Deblauwe vom Institut für
Orientalistik der Universität Wien. Zurück bleiben Raubstätten, die
wie Mondlandschaften aussehen, was durch zahlreiche Luftaufnahmen
dokumentiert ist.
Christie´s sündigt
Die Zahlen zum Kulturraub sind erschreckend: So wurden zum Beispiel
60 Prozent aller Stätten der Maya in Belize von Räubern zerstört; in
Mali sind von 830 archäologischen Fundstätten 45 Prozent zerstört; in
Andalusien ist ein Siebtel aller bekannten Ausgrabungsstätten
vernichtet. In Batán Grande (Peru) wurden zwischen 1940 und 1968 etwa
100000 Löcher gegraben, die Plünderung eines einzigen Grabs dort im
Jahr 1965 ergab eine Beute von 40 Kilo Gold und Juwelen. Seit dem
Zusammenbruch des Ostblocks sind auch vermehrt Kulturgegenstände aus
diesen Ländern auf den Markt gekommen. Hier wie überall, wo die
Staatsgewalt zu schwach ist, um das Kulturgut zu schützen, sei das in
Afghanistan, Irak, Kambodscha oder Mali, werden Museen, Kirchen und
Moscheen geplündert. Das Ausmass spiegelt sich in der Aktivität der
Polizei wider: Zwischen 1993 und 1995 gab es in der Türkei 17500
Ermittlungen gegen den illegalen Antiquitätenhandel. Zwischen 1969
und 1999 konfiszierten die italienischen Carabinieri 326000 Objekte
aus illegalen Grabungen. Ihre griechischen Kollegen stellten zwischen
1987 und 2001 23000 Fundstücke sicher.
«Wenn wir Objekte aus Krisengebieten kaufen», so die Argumentation
von Sammlern, «können wir sie wenigstens vor Zerstörung retten.»
Dabei wird kein Unterschied gemacht zwischen Objekten, die aus einem
Museum stammen, und solchen, die einer Grabungsstätte entnommen
wurden. Die Sammler interessiert nur das Objekt als ästhetisches Gut.
Doch gerade bei Raubgrabungen wird der kulturelle Kontext zerstört,
weshalb Archäologen zu den heftigsten Kritikern von Sammlern und
Händlern gehören.
Trotz erbittertem Widerstand des Kunsthandels ist seit 1. Juni 2005
in der Schweiz das Kulturgütertransfergesetz (KGTG) in Kraft, das von
Händlern eine erhöhte Sorgfalt verlangt: Käufer und Provenienz müssen
lückenlos bekannt sein. «Dieses Gesetz hat zweifellos mehr
Transparenz in den Kunsthandel gebracht», sagt Andrea Raschèr vom
Bundesamt für Kultur, der Vater dieses Gesetzes, «und die
Provenienzen werden vermehrt angegeben.» Kenner vermuten, dass der
Umschlagplatz Schweiz für illegale Kunst dadurch weniger attraktiv
geworden und ein Teil dieses Geschäfts nach Deutschland abgezogen
ist. Die Schröder-Regierung brachte es nicht zustande, ein Gesetz zu
schaffen, das mit dem der Schweiz vergleichbar wäre.
Selbst frühere Gegner des KGTG wie der Basler Antikenhändler David
Cahn, der auch im Vorstand der International Association of Dealers
in Ancient Art ist, äussern sich positiv: «Es gibt zwar einen
gewissen administrativen Mehraufwand. Aber der Zoll und das Bundesamt
für Kultur sind bis jetzt bei den Kontrollen wie etwa an der Basler
Ancient Art Fair sehr feinfühlig vorgegangen. Und sowohl ausländische
Händler als auch Verkäufer zeigen Verständnis für vertiefte Fragen
nach der Provenienz.»
Weniger optimistisch ist Hans Peter Isler, Professor für klassische
Archäologie an der Universität Zürich: «Wenn ich die neusten
Auktionskataloge von Christie´s oder Sotheby´s anschaue, stelle ich
fest, dass bei sehr vielen Ob- jekten eine überprüfbare Herkunft
fehlt.» Bei vielen Provenienzen würden einfach frühere
Auktionskataloge zitiert. Die 1970 in Kraft getretene Unesco-
Konvention zum Schutz des Weltkulturerbes und gegen illegalen
Kulturgüterhandel gilt als Trennungslinie bei den Provenienzen: Was
vorher erworben wurde, gilt als unproblematisch, was nachher
erstanden wurde, sollte lückenlos nachgewiesen werden.
World Trade
Vermehrt lässt sich eine Verbindung zwischen Kunstraub und der
Finanzierung des Terrors feststellen. So plünderten etwa die
afghanischen Taliban das Museum in Kabul und schleusten Antiquitäten
in den Kunstmarkt. Dabei sollen auch Objekte über Schweizer Händler
gewaschen worden sein. Im Jahr 2000 konfiszierte Scotland Yard ein
wertvolles indisches Steinrelief in einem Auktionshaus. Dieses wurde
angeblich von «tamilischen Terroristen» gestohlen, um ihren Kampf
gegen die Zentralregierung zu finanzieren, wie Richard Allen sagte,
ein liberaldemokratisches Mitglied des englischen Parlaments. Der
wohl drastischste Fall einer Verbindung von Terrorismus und
Raubgräberei ist die Geschichte von Mohammed Atta, einem der Piloten
beim Anschlag aufs World Trade Center vom 11. September 2001. Er
hatte mit einer Professorin für Altorientalistik aus Göttingen
Kontakt aufgenommen, um ihr Ausgrabungsgut anzubieten.
Ein Unesco-Komitee schätzt den Handel mit illegalen Kulturgütern auf
6 Milliarden Dollar und bezeichnet ihn als den zweitwichtigsten
illegalen Markt nach dem Drogenhandel. Interpol kommt auf 4,5
Milliarden Dollar; andere Experten sind vorsichtiger. «Ich spreche
von mehreren Milliarden Franken», sagt Andrea Raschèr, «denn ein
illegaler Markt trägt es in sich, dass man ihn nicht genau beziffern
kann. Fakt ist, dass der illegale Kunsthandel für die organisierte
Kriminalität immer wichtiger wird.» Zum Beispiel, um Drogengeld zu
waschen. Entsprechend ähneln die Strukturen des illegalen Kunstmarkts
oftmals auch denjenigen des Drogenhandels.
Legal gleich illegal
Der Antiquitätenmarkt wird angetrieben durch kaufkräftige Sammler und
Händler in eleganten Galerien in den Metropolen des Westens, ohne
diese Nachfrage würde das Angebot rasch zurückgehen. «Die Leute
meinen», sagt Professor Ricardo J. Elia, ein vehementer Kritiker,
«dass es einen legalen und einen illegalen Markt gibt. Tatsächlich
sind aber beide das Gleiche.» Schlimm sei, sagt Neil Brodie, dass die
gierigen Sammler stillschweigend oder offen von prominenten Museen zu
ihrem Tun ermuntert würden, denn eine Hand wäscht die andere: Die
Museen erhalten exquisite Stücke als Leihgaben, womit sie ihr
Renommee erhöhen, und die Sammler die höheren Weihen einer makellosen
Provenienz.
Italien hat in den vergangenen Jahren bewiesen, dass es den Schutz
des nationalen Kulturguts ernst nimmt. Ähnliches könnte in
Griechenland und anderen Ländern passieren, die ebenfalls der
Plünderung ihres Bodens und der Verschwörung zwischen Händlern,
Sammlern und Museen nicht mehr tatenlos zusehen wollen. Auch in der
Museumspolitik wird sich wohl einiges ändern: Die Museen werden es
sich nicht mehr leisten können, auf dem Kunstmarkt Objekte ohne oder
mit fragwürdiger Provenienz zu kaufen. «Am besten würden die Museen
die Hände ganz von diesem Geschäft lassen, weil sie sonst ungewollt
das fragwürdige Geschäft mit Raubgrabungen fördern», sagt der Berner
Archäologieprofessor Michael Heinzelmann.
Doch das würde auch bedeuten, dass neu entdeckte Schmuckstücke der
menschlichen Kultur nicht mehr in den Spitzenmuseen des Westens,
sondern in den Herkunftsländern gezeigt werden.
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